Skipper Les Gallagher

erstellt am: 28.04.2013 | von: Jürgen Oeder | Kategorie(n): Einer von uns

Von glücklichen Momenten, wenn ein Angler den „Fisch des Lebens“ gefangen hat. Aber auch von kaputten Motoren, ausbleibenden Marlinen und dem Gefühl, ganz unten zu sein: Wenn, wie es ihm geschehen ist, die Eine-Million-Dollar-Yacht, für die er die Verantwortung hatte, im Meer versinkt und der ganze Besitz plötzlich nur noch aus den Kleidern am eigenen Leib besteht. Man könnte neidisch werden auf sie: Biggame-Kapitäne leben meist in paradiesischen Gefilden und sind immer gut gebräunt. Sie stehen am Steuerstand strahlend weißer Yachten und steuern die PS-starken Boote im Drill allein mit den Gashebeln als wär's ein Kinderspiel. „Easy go happy“, so scheint ihr Leben und das noch gut bezahlt: Charterboot¬skipper ein Traum? – „Nein, nur manch¬mal“, wehrt Les Gallagher ab.



Les, der auf den Azoren lebt, weiß wovon er spricht: Von glücklichen Momenten, wenn ein Angler den „Fisch des Lebens“ gefangen hat. Aber auch von kaputten Motoren, ausbleibenden Marlinen und dem Gefühl, ganz unten zu sein: Wenn, wie es ihm geschehen ist, die Eine-Million-Dollar-Yacht, für die er die Verantwortung hatte, im Meer versinkt und der ganze Besitz plötzlich nur noch aus den Kleidern am eigenen Leib besteht. „Angefangen hat alles mit Wattwürmern und Plattfischangeln vor meiner Heimatstadt Hoylake, unweit von Liverpool an der Irischen See“, sagt Les. Dort wird er auch Kapitän seines ersten Bootes. Der 15-Jährige tauft es SERPAE, nach einer Salmler-Art in seinem Aquarium. „Es war ein ehemaliges Rettungsboot, viel älter als ich, aus Lärche und Eiche, angetrieben von einem uralten LKW-Dieselmotor mit 22 PS und einer viel zu großen Schraube. Ich war immer am Ausbessern der Hülle, immer zugange mit stumpfem Zimmermannswerkzeug und immer auf der Suche nach einem guten Stück Planke“, erinnert sich Les. Mit dem alten Boot abenteuern Les und seine Freunde dann hinaus auf die Hoyle Bank und fischen dort auf Makrelen, Rochen oder Hundshai. Eine glückliche Jugend, bis zu einem dunklen Wintermorgen. Auf dem Schulweg sieht Les an einem Zeitungskiosk ein Angelmagazin mit einem riesigen springenden Marlin auf dem Titelbild: „Das war wie ein Blitz in meinem Herzen, es war das Ende des Geldes für Schulvesper und es war der Anfang eines endlosen Albtraums für meine Eltern“, schmunzelt Les. Im Sommer 1987, nach dem Abi der Schule entronnen, erklärt er seinem ungläubigen Vater, dass er Charterboot-Kapitän auf den Azoren werden will anstatt zu studieren. Mit einem Rucksack macht Les sich auf eine vierwöchige Tour durch Europa, die im Hafen von Lissabon endet. Von dort nimmt ihn ein Handelsschiff mit nach Madeira, elf Tage später ein weiteres zur Azoren-Insel Santa Maria. Dann geht es in einer gefährlich-stürmischen Überfahrt an Bord eines Segelbootes zur Nachbarinsel San Miguel. Zwei Wochen später die erste Arbeit an Deck des Biggame-Bootes ROBAO: „Ein Blauer Marlin mit 912 lb. am er¬sten Tag. Das Gaff ist ein Eisenhaken, mit Schlauchklemmen und gewachstem Faden an einer Holzstange festgemacht. Altersschwache Ruten mit Holzgriffen, laut kreischende, ruckende Senator-Rollen und Stücke von Kupferrohr als Klemmhülsen. Gelbflossenthune und Albacore, verrückte Kapitäne und glorreiche sonnige Tage. Im Winter dann die Bootsüberholung inmitten von Sägemehl, Farbe und Motorenöl. 80-Stunden-Wochen und der Traum von der Karriere als Kapitän. Angelma¬gazine am Frühstückstisch und in der Badewanne“, so beschreibt Les die erste Saison. Um das karge Gehalt aufzubessern, besorgt sich Les ein kleines altes Boot mit Außenborder und angelt im Winter mit einer 200 Meter langen Handleine aus Draht auf Tintenfisch. Nach endlosen Fehlversuchen hat er die Technik raus und fängt einen 20-Pfünder um den anderen. Die bringen genug Escudos, um ein stabiles Alu-Boot für den nächsten Winter zu kaufen. Nach einem weiteren lehrreichen Sommer wird Les auf der Azoren-Insel Faial Kapitän der CECILIA. Das hässliche Entlein, ein ehemaliges schwedisches Zollboot, ist das langsamste unter all den schnittigen Biggame-Yachten; die Crew hat kaum Erfahrung, doch das Boot fängt die meisten Fische. Les, inzwischen 22 Jahre alt, bekommt im Jahr darauf ein Traumangebot: Kapitän der 46 Fuss langen SING THE BLUES zu werden. Er fischt mit dem luxuriösen Boot erst in Florida und auf den Baha¬mas, dann vor Faial und der Nach¬barinsel Pico. „Das Leben war schön“, sagt Les.



Doch bei einer Segelregatta als Beobachtungsboot eingesetzt, passiert Schreckliches. Eine von hinten kommende Welle schätzt Les falsch ein und rammt ein Segelboot. Elf Menschen müssen von Bord der SING THE BLUES und in die Rettungsinsel; nach nur zehn Minuten versinkt die Yacht drei Meilen vor Pico im Meer. Für die anderen Kapitäne wird die Katastrophe Anlass zu endlosen, bei¬ßenden Wortspielen mit „sing“ – singe den Blues und mit „sink“ – versenke die „BLUES“. Zu Demütigung und Spott kommen bei Les massive Schuld- und Schamgefühle gegenüber dem Boots¬eigner. „Ich war völlig fertig. Vier Jahre harter Arbeit zerstört durch eine sekundenschnelle Fehleinschätzung“, so Les. Alles was er hat sind die Kleider am Leib, kein Geld, keinen Pass. Der Vater schickt beides und ein Flugticket dazu. Die Flucht vor der Niederlage führt Les rund um den Globus nach Watamu in Kenia. Dort arbeitet er als Skipper für die „große alte Dame“ im Biggame, für Jenny Slater. Die patente Frau sieht, wie sehr Les leidet, nimmt ihn nach wenigen Wochen zur Seite und gibt ihm den Rat, zurückzukehren auf seine geliebte Insel, allem Spott zu trotzen und noch mal von vorne anzufangen. Les macht das: „Es war die härteste Zeit meines Lebens“, erinnert er sich. Als er ankommt ist auf Faial Winter. Er schläft auf der CECILIA, die als halbes Wrack auf dem Trockendock steht. Die Nächte sind kalt und klamm. Er borgt sich ein kleines Boot zum Tintenfischfang. Wochenlang in feucht-schmierigen, nach Tintenfisch stinkenden Klamotten, bis mit dem ersten gesparten Geld wasserdichte Überhosen gekauft werden können. Das Essen ist karg. Morgens, mittags, abends: Tintenfisch und Kohl, sonst nichts. Es dauert, bis Les die wirklich guten Hotspots findet. Dann geht es Schlag auf Schlag. Fänge mit 50 bis 60 kg sind normal, an guten Tagen holt er bis zu 270 kg Tintenfisch aus der Tiefe. Das bringt Muskeln, viel Geld und neues Selbstvertrauen.



Dann – im Frühjahr 1992 – bringt Les die 23 Jahre alten, asthmatischen Motoren der CECILIA so in Schuss, dass kein einziger der folgenden Chartertage ausfallen muss. Im Winter arbeitet Les zudem als wissenschaftlicher Zeichner – seinem ursprünglichen Studienziel – im marine-biologischen Institut auf der Insel. Allmählich wird er von der kleinen Gemeinschaft wieder akzeptiert. Der deutsche Bootseigner Jörg-Dieter Haselhorst macht ihn dann 1994 zum Kapitän der XACARA. Und auf ihr erlebt Les mit seinem Mate Zak Conde drei Jahre später die beste Angel¬saison, die es auf den Azoren bis dahin gab. In 79 Angeltagen fing die XACARA 112 Blaue Marline. „Dazu kamen dann noch die gigantischen Blauflossenthune, die unser 80er Gerät zu Schrott machten. Das Fischen war so phantastisch, dass ich 61 Tage nonstop durcharbeitete“, sagt Les.



An einem normalen Arbeitstag klingelt sein Wecker um 6:15 Uhr. Die knapp halbstündige Fahrt nach Horta und der kalte Fahrtwind am offenen Fenster des alten Pick-up-Trucks machen Les erst richtig wach. Kostbar ist ihm das Frühstück im Insel-Cafe: „20 Minuten, alleine. Um in Muße etwas zu lesen oder den Schlachtplan zu überdenken für die Arbeit, die ansteht“, so Les. Um 7:15 Uhr ist er dann an Bord und auch gleich im Maschinenraum, der noch warm ist vom Tag zuvor Öl wird kontrolliert, Kühlwasser, Filter, Pumpen, Keilriemen, die Wellendichtungen und vieles mehr. Und wenn dann die Chartergäste gegen 10:00 Uhr an Bord kommen, war das Boot längst schon tanken, sind die Haken geschliffen, Schleppköder neu montiert und die Angelschnüre überprüft. – „Wenn alles funktioniert, wenn die Fische beißen, wenn die Kunden zufrieden und wenn Himmel und Meer blau sind, dann ist Charterboot-Kapitän wirklich der schönste Job der Welt“, sagt Les. Heute hat sich Les und seiner Familie ein zweites finanzielles Standbein erarbeitet. Neben der „Skipperei“ auf der BRASILIA zeichnet Les mit dem Computer Fische, Seevögel und Wale. Er bedruckt T-Shirts und hat sein erstes Buch illustriert: „Oceanic Marine Life of the Azores“. Kontrakt: les(ad)sapo.pt les(ad)fishpics.info