Ostsee: Zwei Tage Schnureinholer-mit-Fisch-dran

erstellt am: 29.12.2019 | von: Jürgen Oeder | Kategorie(n): Ostsee, Reiseziele

Um Ausreden bin ich eigentlich nie verlegen. Vor allem, wenn es ums Angeln geht. „1500 km hin und zurück an die Ostsee fahren, nur um zwei Tage zu Angeln?“, hatte meine Frau zweifelnd gefragt und auf meine Antwort hin „Das ist medizinisch indiziert!“, die Augenbrauen noch höher geschraubt.  – Aber ein Stück Wahrheit steckte schon in meinem flapsigen Spruch, wie ich dann vor Warnemünde beim Fischen auf Meerforelle und Dorsch feststellen musste. Ich bin nach all den inaktiven Monaten im Sommer noch bei weitem nicht fit genug, um bei einem 5er Wind und starken Meterwellen sicher an Bord eines Bootes zustehen. Fabian, mit dem ich an die Ostsee gefahren war (oder besser gesagt, der mich gefahren hat), wusste um meine Physis, und der Meeresbiologe Sven Hille, der uns eingeladen hatte, merkte das am ersten Angeltag sehr schnell. Dass beide kein Gewese darum machten, sondern auf mich dezent Rücksicht nahem, rechne ich beiden hoch an! So wurden die beiden Tage – mit Wind und Wellen am ersten und Kaiserwetter am zweiten und vor allem Svens Nase für Fisch zu einem wunderschönen Erlebnis.

5 kg Ostseesilber

Meinem Ruf als „Glücksschwein“ (so hatte mich Freund Lars nach Riesenlachs und MeFos bei ihm an Bord vor Rügen und Damp getauft) wurde ich erneut gerecht. Am ersten Tag, keine 5 Minuten aus dem Hafen, kam auch schon der erste Biss – und nach kurzem Dill die Landung einer etwa 5 kg schweren, äußerst verdutzten Meerforelle. Die Freunde und Erleichterung über den Fang waren bei Sven mindestens genauso so groß wie bei mir. Das Wasser sei noch viel zu warm für ein gutes Fischen auf MeFos, hatte Sven uns zuvor erklärt. Aber nun hatten wir die größte der kurzen Saison an Bord und tanzten uns abklatschend um den Fisch, während bei Sven der Erfolgsdruck sichtlich wich und sich bei mir gelassene Heiterkeit breit machte.

Sven freute sich über die Fische ebenso sehr wie wir

Eigentlich wäre nun Fabian an der Reihe gewesen, aber auch die untermaßige Forelle und die gut 65er am folgenden Tag blieben bei mir hängen. Fabian nahms mit der Gelassenheit eines buddhistischen Mönchs – der er ja nun im Herbst geworden ist: Auf der Fahrt unterhielt Fabian mich mit den Erlebnissen auf seinen Wanderungen während eines Sabbath-Jahres durch Australien, Neuseeland und auch Japan. Dort, um Land der Shogun, hat er den berühmten buddhistischen Pilgerweg Junrei mit 88 Tempeln hinter sich gebracht und in 55 Tagen 1200 km zu Fuß (!!!) zurückgelegt

Fabian schickte mit nun das Foto: 1200 km zu Fuß in 55 Tagen. Da muss man gelassen werden…

Japaner nennen diese Pilgerreise Henro und die Pilger, die in weißer Kleidung unterwegs sind, respektvoll o-Henro-san. Ein wenig von dem Henro muss auf ihn abgefärbt sein, er freute sich jedenfalls über meine Mefos ebenso wie über jeden der vielen und schönen Dorsche, die wir in den zwei Tagen fingen.

Doppelter Spaß im Doppeldrill
Fabians bester

Unseren Erfolg verdankten wir aber letztlich allein der Erfahrung und dem Können von Sven. Der Meeresbiologe weiß nicht nur, wo und warum große Meerforellen vor Warnemünde stehen (wegen der Physiologie ihrer Haut). Er geht die Angelei auch mit fast schon wissenschaftlicher Akribie an. Immer wieder hatte er eine abgebrochenen Rutenspitze in der Hand, an der ein Meter Schnur mit einem leichten Blinker hing.

Erfolgsblinker vom Thünen-Institut

Mit dessen Lauf prüfte er dann, ob Strom, Wind und Bootsmotor, dem Blinker das richtige attraktive Spiel mitgaben. Dieses Prüfen, die Wahl der richtigen Blinkerfarbe (grün-gelb) und das „richtige“ Revier, aus dem Hafen links rum nach Westen, waren der Schlüssel zu unserem Erfolg.

Meeerforelle graved, mindestens.

Wie groß der war, zeigte sich beim Filetieren (das auch Sven mit routiniertem Tempo erledigte) im Hafen. An jenem Samstag waren weit über 20 Boote draußen und viele hatten nichts gefangen. Die Blicke der manchmal wortlos vorbeilaufenden Angler verriet jedenfalls einiges über deren Gemütszustand. Unserer war heiter. Dass Fabian und ich auf Svens Boot insoweit nur erfolgreiche Schnureinholer-mit-Fisch-dran waren, ist mir bei dieser anspruchsvollen Angelei durchaus bewusst. Aber das minderte unseren Spaß kein bisschen. – Ein ganz dickes Danke dafür, Sven!