1.850 Fuß Tiefe

Im Reich der Schattenjäger

Noch einmal auf Schwertfisch! Dieser Gedanke verfolgt mich seit mehr als 30 Jahren. Genauer: Seit der Nacht auf den 16. Dezember 1993. Der Nacht, in der ich vor Kenia meinen ersten Schwertfisch fing, mit Skipper Andrew Wright auf der „Snow Goose“, 68 kg wog der Broadbill. Für einen Schwertfisch nicht sonderlich schwer, aber unvergleichlich stärker als jeder Marlin oder Thun in dieser Gewichtsklasse. Vor allem sein Kampfverhalten beeindruckte mich: Kein „show-time“-Fisch, der mit wilden Fluchten oder Sprüngen seine Kraft unnötig verausgabt, eher ein Taktiker in der Tiefe, einer der weiß, was er macht. Schwertfische sind die wahren Herrscher der See, sie greifen alles an, was ihnen zu nahekommt. Eigene Artgenossen und selbst ihren Todfeind, den Mako-Hai. Nicht umsonst lautete ihr wissenschaftlicher Name einst Xiphias imperator, der „Kaiser mit dem Schwert“.

Schwertfische habe ich später auch in der Adria und um Mallorca gefangen. Auf der Suche nach einem größeren als meinem ersten war das vergeudete Liebesmüh. Im überfischten Mittelmeer kam keiner der Schwertfische auch nur annähernd an das Gewicht des Kenia-Fisches heran.

Endlich Rentner, wollte ich meinen Traum Wirklichkeit werden lassen und im März ‘19 noch einmal auf ‚richtige‘ Schwertfische angeln, im Norden Neuseelands, um die sagenumwobenen Three Kings Islands, wo große mit 300 kg und mehr vorkommen und wo man eine spezielle Lizenz braucht, um dort fischen zu dürfen. Flug und Boot waren gebucht und bezahlt. Doch ich landete im Januar wegen einer bösen Erkrankung für Monate in einer Klinik. Viel Zeit zu träumen: Noch einmal Schwertfisch?

Klar, wenn ich kann, sagte ich mir, dann aber zurück zu den Anfängen. Nach Kenia. Dort wurden schon immer Broadbills gefangen. Vor allem nachts, aber auch schon einige am Tag beim Deep Drop in 1.850 Fuß Tiefe. Kenia, das war schon immer meine Wahlheimat. Dort hatte ich das Big Game auf der Snow Goose mit Skipper Andrew Wright gelernt, Segelfisch-, Marlin- und Hai-Rekorde aufgestellt und vor allem stimmte auch der Beifang und die relaxte Atmosphäre.

Ich buchte also gemeinsam mit meinem Freund Micha den besten Skipper vor Ort, Peter Darnborough und seine „Alleycat“, für 5 Ausfahrten zum Fischen am Tag auf den Imperator.

Was mir dann im März 2023 widerfuhr, wühlt mich immer noch auf: Wir fuhren am ersten Tag hinaus an einen Unterwasserberg, und hatten zunächst 3 Stunden Kurzweil mit Beifang von einem kleinen Marlin, über Wahoo bis hin zu Yellowfins und großen Mahi Mahi.

Am Berg angekommen, machte ich die Augen weit auf, um die Technik des Deep Drop in der Praxis zu sehen. Geriggt wurde wie auf der folgenden Grafik, mit leichten Modifikationen: Wir fischten mit einer 50W-Rolle, gefüllt mit knapp 1.000 m 80 lb geflochtener Hauptschnur. Verbunden wurde sie per Albright Knot mit dem etwa 30 m langen Top-Shot (Mono, 250 lb Tragkraft).

Kurz vor dem Leader befestigte Pete dann eines der klassischen, grünen Knicklichter und entschied sich für einen Circle-Hook, anstatt der Salmon-Hooks, die die Skipper vor Kenia auch beim Night Trolling auf Broadbill nutzen. Diese Haken haben zwar einen weiten Bogen (was gut ist), ihr Widerhaken mit scharfer Schneide ist aber überaus groß. „Wir hatten schon viele Fehlbisse beim nächtlichen Trolling auf Schwertfisch, sagte Pete. Also dann, ein Circle Hook. Nun wurden der Köder (ein Belly Strip vom frisch gefangenen Mahi) und der Top-Shot ausgelassen.

Dann befestigte Pete kurz unterhalb der Verbindung des Top Shots zur Hauptschnur eine etwa 10 m lange Mono-Reißleine und an deren Ende wiederum ein etwa 7 kg schweres Betongewicht.  Abreißmontage wie beim Wallerfischen, dachte ich.

Um diese Reißleine (Monofil mit etwa 30 lb Tragkraft) machen alle Skipper ein Riesen-Bohei. Sie soll nicht zu früh reißen, etwa bei einem versehentlichen Grundkontakt des Gewichts, aber trotzdem reißen, wenn ein Schwertfisch gebissen hat. Also nicht zu schwach und nicht zu stark soll sie sein. Jeder Skipper hat dafür ‚seine‘ Schnur und nimmt keine andere. In die Reißleine kommen zuvor noch am oberen Ende einige einfache Knoten als Sollbruchstelle. Ansonsten gibt es Chaos bis hin zum Fischverlust, wenn der Angler den Top-Shot auf die Rolle winscht und sich eine womöglich 10 m lange Mono mit immerhin 30 lb Tragkraft an den Ringen verheddert oder gar die Rolle blockiert. Diese Knoten relativieren die Tragkraft der Reißleine allerdings deutlich. Micha und ich haben uns heute für die Stroft ABR entschieden: kaum Dehnung, exakte Tragkraftangaben und salzwasserfest.

Das Ablassen des Köders in 550 m Tiefe ist ein zeitraubender Akt: Damit das schwere Betongewicht nicht allem voran hinabsaust und sich das Vorfach dabei samt Köder um die Hauptschnur wickelt, muss das Boot beim Ablassen mit leicht eingestellter Bremse langsam gegen die Strömung vorwärtsfahren. Fast 1 km weit, wegen des Schnurwinkels, der dabei entsteht und entstehen soll.

Dann wird gestoppt, langsam zum Drop zurückgefahren und Schnur eingeholt, bis sie senkrecht am Bootsheck steht. Ist so der Grund erreicht, werden nochmals 20-30 m Schnur aufgenommen: die ideale Tiefe zum Fischen im Reich der Schattenjäger.

Und nun. Warten. „Kreischt die Rolle Alarm, wie etwa bei einem Marlin-Biss?“ Pete schmunzelt: „Du hörst den Strike nicht, du siehst ihn“, sagt er. Und so kam es auch. Unser Alarm war das lautlose, zarte Wippen der Rutenspitze, kurz auf und ab um 3-4 cm. – Klar: Wir fischten in über 550 m Tiefe, mit einem etwa 7 kg schweren Betongewicht und noch mal 30 m lockerem Top-Shot. Viel Wasserwiderstand also für einen Fisch, der melden wollte: „Hallo, ich hänge am Haken“.

Und da war er, der Biss. Ein kurzes Zucken, und die gekrümmte Rute entspannte sich. „STRIKE“, schrie Pete von der Brücke und ich war auch schon an der Rute und die Rolle am Black Magic Harness eingeklinkt. „Wind, wind, wind!“ rief Pete. Wie aus weiter Ferne: Ich war bereits in meinem Tunnel und nahm die Außenwelt nur noch gefiltert war. „Was hat er denn! Ich kurble doch schon wie wild. Ist der Fisch dran? Weiterkurbeln! Kontakt aufnehmen. Bleib ruhig. Finger weg von der Bremse. Pete hat sie eingestellt. Er weiß, was er macht. Ich auch. Konzentriere dich. Spannung auf die Schnur! Weiterkurbeln, sagte meine innere Stimme.

Und dann tat der Schwertfisch, was sie immer tun, wenn sie mit dem Haken im Maul, den Widerstand des Abreißgewichts spüren. Sie schießen nach oben (nach unten können sie ja nicht), um das Gewicht loszuwerden. Reißt es dann ab, kommt ein erster kritischer Moment: Der große Schnurbogen im Wasser muss so schnell wie möglich aufgenommen werden, also nochmals: ‚wind, wind, wind!‘.

Reißt das Gewicht nicht ab, was auch in den Jahren danach immer wieder vorkam, hängt meist ein kleinerer Beifang dran: Pomfret, Ölfisch, kleine Grundhaie oder auch ein großer Fuchshai. Sie müssen dann mit dem Betonklotz nach oben gewinscht werden. – Sehr mühsam.

Beifang Ölfisch, einmal ganz ok, danach lästig.

Nun war er aber dran. Ich an der Bordwand im Stand-Up schaute erstmal zu, wie Schnur von der Rolle lief. Er nimmt Schnur, immer mehr. Nochmal 100 Meter. Mindestens 18 kg Bremse. Ein Großer? Halte endlich an, Fisch! Hoffentlich nicht zu groß. Sonst geht’s mir noch wie Callum Looman. Seine Geschichte kennen alle Big Gamer an Kenias Küste. Beim Nachtangeln hakte Callum einen Fisch, der ihm langsam, aber unerbittlich die Schnur von der Rolle leerte. Fast am Ende angekommen hängte Callum an die Öse dieser Rolle per Wirbel und Snap eine zweite Kombo an und warf die erste über Bord. Als dann auch die zweite Rolle leer war, wiederholte er die Aktion mit einer dritten Rute und Rolle. Die Last dieses an die 2 km langen Geleitzugs war dann aber zu viel für die Schnur, sie riss und der Fisch plus zwei Ruten und Rollen waren weg. Callum hatte den Riesen nie zu Gesicht bekommen, er war all die Zeit in der Tiefe geblieben.

Mein Schwertfisch war mittlerweile in den Stellungskampf übergegangen. 100 m mühsam rauf und 80 m schnell wieder runter. Und nochmal 100 m rauf. Kraft gegen Kraft, Stillstand. Dann wieder einen Schlag mit der Kurbel, einen halben, zwei, drei, zehn. Dann wieder 60 m runter, so ging das knapp eine Stunde lang. Meine Knie zittern schon leicht. Fragende Augen um dich rum. Die beobachten dich. Kann der noch? – Kann ich noch? Ja, es sind noch ein paar Körnchen in Reserve. Aber die Knie. Wie lange noch, Fisch? Der Schnurwinkel wird flacher, er kommt hoch! Gottseidank.

Ja, der Drill wurde leichter, das Top-Shot war schon einige Meter auf der Rolle. Nicht mehr lange, dann habe ich ihn. Endlich, meinen ersten richtigen Imperator!

Der Fisch war nun so nah am Boot, dass ich zwei Schritte zurücktreten musste, damit Mate Amiri das Vorfach greifen konnte. Nur für einen kurzen Moment. Wie sich zeigte, war der Broadbill nicht mangels Kraft und Ermüdung ans Boot gekommen, sondern vielmehr aus Neugier. So, als ob er mal sehen wollte, wer oder was ihn da so nervt. – Amiri schaute auf den Fisch, Michael schaute auf den Fisch, und Pete oben am Steuerstand. Es war still, alle sahen den Broadbill, nur ich nicht, in der Mitte auf dem Deck stehend. Der Fisch selbst hatte offenbar genug gesehen, machte eine Kehrtwende und zog in einem Run mehr als 160 m Schnur von der Rolle, sprang hoch aus dem Wasser und nahm nochmals 100 m Schnur.

Nicht nochmal alles auf Los. Ich schaffe das nicht. – „Micha, ich habe den Fisch nicht gesehen, wie groß war er?“ – „Ich habe so was noch nie gesehen. Sein Rücken war breit wie ein Pferd!“, war seine Antwort. Breit wie ein Pferd? Naja, er hatte wirklich noch keinen Schwertfisch gesehen.

Ich rief deshalb zu Pete auf der Brücke, „Wie groß ist er?“ Seine Erwiderung: „Ich kann es nicht sagen. Einen so großen Schwertfisch habe ich noch nie auf meinem Boot gesehen!“ Die Antwort machte mich fertig und gab mir Kraft zugleich. Doch nochmal auf Los! Quäl dich. Der Fisch deines Lebens! Fang ihn. Du kannst noch. Bestimmt!

Ich konnte noch weitere 40 Minuten lang, dann wurde die Schnur schlaff. Er war endgültig weg. – Die Spitze des Circle Hooks hatte sich unter der Bremskraft von zuletzt 21 kg nach außen gebogen. Wir vermuteten später, dass der Fisch nicht im Maulwinkel gehakt war, sondern sich der Circle Hook am harten Schwert verklemmt hatte.

Ich hatte den Fisch meines Lebens nach IGFA-Regeln zwar ‚gefangen‘ (Amiri hatte das Vorfach in der Hand), aber doch verloren. Was nutz da die Fahne in der Hand?

Erschöpft und enttäuscht, kletterte ich zu Pete auf die Flybridge. Ich wollte von ihm unbedingt eine Schätzung: „Pete, der größte Broadbill, den du tagtäglich siehst, hängt in der Rezeption vom ‚Ocean Sports Hotel‘, 163 kg schwer. War er so groß?“ – „Viel größer“, murmelte er mit flacher Stimme. – Was mich bis heute wie ein Albtraum verfolgt: Ich habe den Schwertfisch nicht gesehen und keine Vorstellung von seiner Größe.

In den folgenden Tagen lernten wir aus Fehlern hinzu, fischten mit J-Hooks und fingen auch einige Schwertfische, kleinere. Doch das aufwühlende Erlebnis ließ mir keine Ruhe. Noch ein nächstes Mal auf Schwertfisch. Dann aber alles richtig machen.

Vor allem bessere Haken. Ich telefonierte mit Skippern in Neuseeland und bekam die Antwort: „Paklula Haken sind die besten“. Ein Haken mit weitem Bogen (damit er im weichen Maul tiefer greift), kurzem Schenkel (damit er nicht aushebelt) und vor allem mit einer runden Spitze, (die nicht durch den Kiefer schneidet).

Auch die üblichen chemischen Knicklichter wollte ich austauschen. Sie sind zwar gut fürs nächtliche Trolling. Dem Wasserdruck in 550 m Tiefe waren sie nicht gewachsen, einige waren geplatzt. Ich entschied mich für druckfeste, blinkende LED-Leuchten in der Farbe Blau.

Und eine Stuhlrute ließ ich mir bauen. Der große BB hatte mir Respekt eingeflößt. Die Rute sollte eine sensible Spitze für die Bisserkennung haben und eine parabolische Aktion, damit der Haken auch bei wilden Schlägen des Schwertfischs nicht aus dem weichen Maul gerissen wurde.

Mein Freund Rene, Experte für das schwere Stand Up, empfahl mir einen eGlas-Blank von Calstar und SIC-Ringe und einen Top-Roller von Winthrop. Eine gute Wahl. Und weil Old Shatterhand einen „Bärentöter“ hatte und Winnetou eine „Silberbüchse“, sollte meine Rute auch einen Namen bekommen. Der Imperator heißt in der modernen Wissenschaft Xiphias gladius. Zweimal ‚Schwert‘, einmal auf Griechisch und einmal lateinisch, nach dem Kurzschwert der römischen Legionäre, dem ‚gladius‘. Damit war klar, meine Rute sollte „gladius fighter“ heißen.

Dann kam die Krankheit zurück. Mein linker Oberschenkel schwoll rasant an und ein MRT bestätigte: „Er ist wieder da“. Mit einer der modernsten Strahlenkanonen der Republik wurde an 23 Tagen im September so erfolgreich weggebeamt, dass ich im November wieder fischen konnte.

So gerüstet, fischte ich wieder mit Pete und wir hatten in 5 Ausfahrten 7 Schwertfische an den neuen Haken. Dass im Dill nur 2 verloren gingen, bezeichnete Pete als „fantastisch gute Quote“. Mein personal best stand mittlerweile nun schon bei knapp 100 kg, aber der Verlust des ersten großen Broadbills nagte weiter in mir. Ich buchte deshalb mit Micha Pete und seine ‚Alleycat‘ für März ’25. Die Rute ließ ich an Bord (Die Lufthansa verlangt 200 Euro für den Transport von Sportgepäck – pro Weg!) Pete fing an ihr weitere Schwertfische, taggte sie und dann kam das Unfassbare für Petes Familie und Freunde: Pete verstarb Weihnachten ’24 an einem üblen Krebs.

Obwohl alle anderen top-Boote bereits ausgebucht waren, konnten wir trotzdem fischen. Und das kam so: Petes bester Freund Mark Jury, Skipper auf Blauflossenthun vor Englands Südküste hatte mich zuvor schon kennengelernt, und als er hörte, dass unsere Charter nun nicht mehr möglich war, lud er mich spontan auf seine Privatyacht ‚Lulu‘ in Kilifi ein – und gab das Chartergeld Petes Witwe Michelle. Welch noble Geste!

Nick weiß, was er macht: Schwertfisch mit knapp 120 kg.

Wir angelten mit Mark und dem bereits erwähnten Experten Nick Michalidis vor Kilifi. Micha fing seinen ersten ‚richtigen’ Schwertfisch mit etwa 60 kg – und ich lernte von Nick die letzten Feinheiten, wie etwa seine Köderwahl. Er benutzt zwar auch Bauchlappen von Mahis, aber lieber noch sind ihm die vom Wahoo. „Irgendwie fangen die noch besser!“, sagt er. Warum sie besser fangen, habe ich dann bei der Lektüre wissenschaftlicher Aufsätze von Barbara Block herausgefunden. (Broadbill sind Augenjäger: Ein ondulierender Köder reizt sie mehr als alles andere).

Nach den schönen Tagen mit Mark und Nick waren wir wieder in Watamu. Ich fragte Sean Darnborough, Petes Sohn, nach meiner ‚gladius fighter‘. Er erzählte mir dann, dass Pete mit ihr Broadbills gefangen und getaggt hatte und nun, 2 Monate nach dem Tod seines Vaters, habe er die Nachricht erhalten, dass einer der Fische wieder gefangen worden sei. Das sei für ihn wie ein Zeichen und er würde mir die Rute gerne abkaufen, als ehrende Erinnerung an seinen Vater. Und außerdem habe auch er Broadies daran gefangen, die Rute sei phantastisch gut.  – Was kann man dazu anderes sagen als: „Ja, geht klar“?

Nun erwäge ich den Bau der „Gladius Fighter II“. Kürzer, für das Stand Up und auch ein wenig härter, um auch einen Fisch samt Betongewicht schneller hochpumpen zu können. Noch einmal auf Schwertfisch? – Klar!

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