Winterangeln mit Familienanschluss

erstellt am: 23.01.2019 | von: Jürgen Oeder | Kategorie(n): Kroatien, Reiseziele

Winterfischen vor Kroatien. – Ich hatte das schon einmal versucht, vor sechs Jahren. Ohne Erfolg. Nunwar ich wieder dort. Zum Glück. Zirje im Winter: Struppige Katzen, kaum Menschen, eine kleine warme Küche mit bestem Essen, dicke Fische, ein Postauto, das mich zum Boot bringt und mit dem Vermieter Naser im Duett „Sur le pontd‘Avignon“ singend, bis ich vor Lachen nicht mehr konnte. Das war mein Kurzurlaub auf der Kroaten-Insel in kurzen Worten. Und dann war da noch ein neuer, leuchtender Shooting Star auf meinem Ranking der besten Skipper. Damir Brajcovic heißt er, und den Namen sollte sich merken, wer je von Sibenik aus fischen will.
Doch der Reihe nach.
Winterfischen vor Kroatien. – Ich hatte das schon einmal versucht, vor sechs Jahren, von Jezera aus. Damals waren 30 Boote auf dem Wasser vor Zirje, dazwischen die Polizei und ein Ausflugsdampfer mit Dutzenden Anglern, die von zwei übereinander liegenden Decks aus Chaos produzierten. Wir blieben natürlich Schneider. Und nun? – Skipper Patrick Baier hatte mir versichert, dass ich große Chancen hätte, wenn ich wegen des Wetters eine Woche vor Ort einplante und mit Damir fische. Ich habe ihm geglaubt. Zum Glück.
Der groß gewachsene Damir, der mit seinem melierten Vollbart ein wenig an die U-Bootfahrer im Film „Das Boot“ erinnert, hatte mich vom Flughafen in Split abgeholt. Nach einem Zwischenstopp im Supermarkt ging es dann in Sibenik auf sein Boot, die rund 8 m lange CRNI TIC (Thunfischvogel).

In von Blitzen zerrissener Dunkelheit eines noch fernen Gewitters setzten wir dann 12 Seemeilen über nach Zirje, zum „Haupt“- und Fährort Muna im Norden der etwa 12 km langen Insel.

Patrick wollte mich zuerst in einem kleinen abgelegenen und im Winter eigentlich geschlossenen Gasthaus im Nordwesten der Insel unterbringen, aber nachdem Damir gehört hatte, dass ich Schlafapnoe habe und nachts für mein cPap-Gerät auf Strom angewiesen bin, hatte er entschieden „No way!“ Strom gebe es dort nur aus dem Aggregat und nachts manchmal auch nicht. Dieses Risiko gehe er nicht ein. So brachte mich Damir dann im ‚zivilisierteren‘ Muna unter, bei Hausherrn Naser und seiner Frau, der Postlerin Nada.
Sie begrüßten uns am Montagabend mit luftgetrocknetem Schinken, selbstgebranntem Apfelschnaps und jede Menge warmer Pfannkuchen. „Hier bin ich richtig!“, dachte ich und wurde in einem vom Hausherrn Naser „Studio“ genannten, perfekt ausgestatteten Appartement untergebracht: Selbst Hausschuhe standen vor dem französischen Bett und auch mein kleiner, vorsorglich mitgebrachter Reisewasserkocher für den ersten Kaffee war überflüssig.

Dass Damir auf der Südseite der Insel in einer Bucht ankerte und dort morgens auf mich wartete (wir waren von dort innerhalb 6 Minuten am Spot!), war kein Problem. Nada, packte mich am ersten Tag um 7.00 Uhr in ihr Postauto und lieferte mich zehn Minuten später in einer stillen Bucht ab: XXL-Paket, Expresszustellung! Das hatte ich in meiner langen Anglerkarriere auch noch nicht erlebt!

Damir hatte am Abend zuvor und in der Morgendämmerung Kalmare gefangen, darunter einen Prachtkerl mit gut einem Kilogramm Gewicht. „Die großen fangen Amberjacks, die kleinen nicht so gut“, hatte mir Damir erklärt. Nachdem ich mich dann beim Jiggen an einem 400 gr schweren Gummifisch, einem „Kveitejig“ erst einmal warm- und abgearbeitet hatte, war ich insgeheim dankbar, als Damir den großen Kalmar an das 7 m lange Fluorocarbon-Vorfach riggte. Davor kamen nochmals 7 m Topshot (auch aus Fluorocarbon) und ein 750 g schweres Schleppblei  an einem 1,5 m langen Stück Mono. Damir schleppte den Kalmar dann in 80-100 m Tiefe, etwa 10 m über Grund.
Der „Aquantic Kveitejig“ vom deutschen Händler Sänger ist eigentlich für norwegischen Heilbutt entwickelt, fängt aber vor allem in blau und schnell geführt noch ganz gut Amberjacks. Allerdings muss der lange Haken abgezwickt und durch zwei Assisthooks – je einer oben und unten an kurzem Vorfach ersetzt werden.

Auf glänzend bunte Speedjigs fallen die Fische nicht mehr rein, sagt Damir. Nicht weil sie dazu lernen, dazu fehle ihnen der Verstand. Aber weil die gierigen und unvorsichtigen in den vergangenen 7 Jahren immer wieder weggefangen wurden, hätten immer mehr der vorsichtigen, misstrauischen Fische ihre Gene weitergegeben. Der Kveitejig sei nun einer der wenigen Kunstköder, die noch blieben, und das auch nur, wenn Amberjacks in Gruppen zusammenstehen. –  Während meiner Angeltage, war das nicht der Fall und der Kveitejig hatte auch bei anderen Anglern in den beiden Wochen zuvor kaum Erfolg gebracht. „Die größeren Schulen bilden sich erst Anfang Februar“, meinte Damir.“

Der große Kalmar überlebte dann keine Stunde. Ein vehementer Biss an der PE 3-5 Jigrute von Graphite Expert und der rund zehnminütige Drill an der 20er Stella wurde für mich Genuss pur. 19 kg schätzte Damir dann den Fisch, der später 20,3 kg auf die Waage brachte. Ich freute mich sehr, mein letzter Drill eines Amberjacks, gefangen auf der North Kenya Bank, lag immerhin 7 Jahre zurück.

Nun hatten wir nur noch Kalmare in der 400 gr. Klasse. „Das wird jetzt zäh“, dachte ich – und bekam große Augen, als Damir das Vorfach austauschte gegen eines mit 6 Haken, 5 davon waren verschiebbar: Er montierte daran einfach zwei Kalmare unmittelbar hintereinander. „Das verlockt sie eher zum Biss als nur ein einzelner“, sagt er. 
Ich war verblüfft! Aber wenn man vom studierten Diplomökonom umsattelt auf Berufsfischer und davon seit 7 Jahren eine Familie ernähren kann, dann muss man offenbar auch solche Tricks draufhaben.

Dass solch eine Kombi fängt ist, erwies sich dann am frühen Nachmittag. Wieder ein Biss, wieder schnellstes Kurbeln, um den Schnurbogen des Trollingbleis einzuholen und dann der Anhieb. Doch dieser Fisch verhielt sich seltsam. „Das ist kein Amberjack“, sagte Damir – und behielt recht. Ein etwa 1,5 m langer Hai hatte den Köder geschluckt. Damir machte schnell ein Foto von der Unterseite des Kopfes und schickte es einem befreundeten Berufsfischer: „Ein kapitaler Glatthai, die sind häufig, schmecken gut  und den dürfen wir entnehmen“ war die Antwort.

Und stimmt: Abends briet Nada ‚shark-snitzel‘ für uns beide und Kottelet für Naser, der keinen Fisch isst. Das Haifischfleisch war sehr zart und frei von jeglichem Eigengeschmack. Sie hatte es zuvor in Milch eingelegt. Gleichwohl habe ich mit Damir vereinbart, dass die nächsten gehakten Haie überleben dürfen. Ich mag Haie lieber lebend.
Am 2. Angeltag drehte dann der Wind auf Süd (Yugo) und kurze steile Wellen – auch in meinem Magen – machten das Fischen draußen unangenehm. Wir fischten deshalb unter Land auf Dentex.  Eine interessante Erfahrung: Damir stand im Heck, in der linken Hand die Schlepprute, in der rechten die Fernbedienung für den elektrischen MinnKota eMotor am Bug des Bootes und den Blick konzentriert auf die Tiefenlinien des Sonars gerichtet.

So schleppten wird dann einen kleinen Kalmar und hatten auch einen Biss. Statt des erhofften Dentex‘ hatte sich ein kapitales Petermännchen den Kalmar geschnappt.

An diesem Tag hatten auch die anderen Boote in der Gegend keinen Erfolg: Der Wind war der Vorbote eines Sturmes (erst Yugo dann Bura), der mich dann 2 Tage an Land hielt.  
Die Zwangspause brachte mir aber auch sehr nette Erlebnisse. „Wir machen Ausflug“, sagte Naser und schon waren wir unterwegs in seinem kleinen Citroen ohne Nummernschild. Kaum eines all der auf die Sommersaison wartenden (und in der salzigen Luft leise vor sich hin rostenden) Autos hat ein Nummernschild. „Das braucht niemand hier. Ich habe in vielen Jahren erst zweimal Strafe bezahlt“, lachte Naser. Am Straßenrand stehen deshalb Autos  in jeglich denkbarem Zustand – von völligem Schrott, den niemand entsorgt (wohin auch?), über Klapperkisten die noch fahren, bis hin zu Autos, die noch in Schuss waren.  


Naser brachte mich auf eine Anhöhe und zeigte mir stolz eine kleine, von der Kirche aufgegebene Kapelle, die er trotzdem in Schuss hält.  Ich frage ihn nach seiner Religion, da sein Name für mich muslimisch klingt. „Ja“, sagt er, „ich bin Mischung“. Der Vater war ein muslimischer Bosnier, der sich offenbar bei der Namensgebung durchgesetzt hat, die Mutter, eine kroatische Christin, gab ihm den Glauben. Die Kapelle hatte Naser mit Heiligenbildern, Devotionalien und Kruzifixen geschmückt. „Ob Kirche oder Muschel, alle gleich“, sagt er. „Muschel? Naser???“  Er stutzt. „Wie sagt man? – Ah. Moschee!!!“, entfährt es ihm. Er muss wieder lachen. 


Zurück im Auto erzählt der 60-Jährige, dass er Deutsch in der Schule gelernt hat und auch Französisch: „Sehr schöne Wörter wie Melodie. Aber vergessen“, sagt er. „Du sprichst auch?“ – Ich nicke und stimmt er an: „Sur le pont d’Avignon on y dance on y dance…“, und ich singe mit.  Zu absurd: Ich singe mit einem aus seiner Heimat im Krieg vertriebenen Bosnier im Nirgendwo auf einer kroatischen Insel ein französisches Volkslied in schrägen Tönen, weil ich überhaupt nicht singen kann – und fühle mich dabei pudelwohl!
Weiter geht’s. Ein alter Mensch auf der Straße. Naser hupt freundlich zum Gruß und stoppt für ein kurzes Schwätzchen. Nur noch etwa 80 Menschen leben auf der Insel. „Jeder kennt jeden“, sagt er. Nada, seine Frau ist mit 55 Jahren die zweitjüngste. Eine ist unter 50 Jahre, „die Altenpflegrin“, erklärt mir Naser.
Die Fahrt führt uns zu einem Aussichtspunkt mit Rundumblick. “Dort liegt Sibenik“, sagt Naser. Auf dem Geländer vor mir sind die üblichen Angaben eingraviert, „New York, 7000 km“, heißt es etwa. Ein wenig rechts davon weist die Richtung auf den „Sonnenuntergang am 22.Juni“. Ich schaue dorthin ins Ungefähre aufs offene Meer… „Aha“, denke ich.  – Das Gemäuer einer alten Burgruine beäugen wir aus der Ferne. Damit sind die Sehenswürdigkeiten abgehakt.
Beim Gang durch die leeren Straßen sehe ich Katzen, viele, von kleiner Statur mit dickem Winterpelz. Die Mülltonnen sind ihr Revier. Ansonsten fällt mir die Stille auf. Es ist die Stille der fehlenden Menschen.

Am Tag nach den Stürmen war das Wasser von dem erneut drehenden Wind noch kabbelig, aber fischbar. Den Amberjacks, die wir auf dem Sonar sahen, war aber das Maul vernagelt.

„Das liegt vermutlich an den schweren Gewittern in der Nacht“, erklärte mir Damir: Die Fische würden durch die starken, hellen Blitze extrem irritiert und seien auch am Tag danach noch sehr nervös. Bei Thunfischen in den Mastfarmen komme es dann vor, dass  die Bluefins bei Gewitter in Panik in die Netze rasten und etliche Fische verendeten. Ein kleiner Dentex mit knapp 2 kg Gewicht erbarmte sich dann aber doch und wurde von Nada mit glänzenden Augen in Empfang genommen.
Am Tag darauf, ein Sonntag, war dann  Kaiserwetter: Strahlender Sonnenschein, wenig Wind und eine ruhige See. Drei Amberjacks, mit 17 kg, 25 kg und rund 30 kg hatten wir bis nachmittags an Bord – und waren das einzige von 7 weiteren Booten, das an diesem Tag fing!

Ein Zufall war das nicht: Zwei der Boote fuhren für einige Zeit neben uns her und Damir, ein überaus fairer Angler, gab ihnen noch Tipps, wie etwa mit einem Kalmar-Tandem zu fischen. Was Damir neben seiner intimen Kenntnis der Fangplätze und bester Angeltechnik aber zum erfolgreichen Skipper macht, ist auch sein eMotor, mit dem er das Boot lautlos über die Fische steuert. „Sie reagieren mittlerweile auch empfindlich auf Lärm“, sagt Damir.

Gefischt wird auf Amberjacks relativ schwer, um die Fische unmittelbar nach dem Biss vom Riff wegzubekommen. Das gelingt nicht immer. Patricks Skipper Ivo hatte am Tag meiner Ankunft einen etwa 50 kg schweren Amberjack verloren, der unaufhaltbar zwischen die Steine zog und Sieger blieb. Die beste Zeit? Amberjacks beißen: wenn der Wind auffrischt, eine Stunde vor Ebbe in der Morgen- oder Abenddämmerung, in der Zeit nach Neumond bis Vollmond. Die Tage um Neumond und danach sind nicht so gut. An diese Regel halten sie sich aber nicht immer…

Gelernt habe ich viel in diesen Tagen. Unter anderem, dass Tintenfisch fangen eine Kunst für sich ist.  Etwa das Schleppen mit großen Squid-Wobblern. Damir hat dazu eine Handleine aus starkem Mono mit vielen Bleioliven beschwert. 

Er schleppt daran zwei der Wobbler mit etwa 2,4 Knoten Geschwindigkeit, 40 m hinter dem Boot, 12-13 m tief und  etwa 1,5 m über dem Grund. Am erfolgreichsten ist das ab 60% Mondlicht, egal ob zu- oder abnehmend (in der Vollmondnacht auf Montag fing Damir über 20 kg Squid!). In mondlosen Nächten macht dieses Trolling aber keinen Sinn: „Dann hängt grün leuchtendes Plankton an der Schnur und die Kalmare beißen nicht“, sagt er. Damir fischt dann driftend und lockt Kalmare mit Licht unters Boot.

Mir hat diese Woche viele neue Eindrücke und Erfahrungen gebracht und ich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt. An Land beim freundlichen Naser und Nada, die mich in der kleine Küche jeden Abend köstlich bekochte.

Und ich fühlte mich auch auf stürmischer See gut aufgehoben bei Damir, der ein hervorragender Skipper ist

Und mit ihm kann man an Bord auch gute Gespräche führen und gute Musik hören. Für mich steht fest: Mit Damir und der Winterfischerei hat Patrick Baier nun ein Juwel aufgetan, dessen Glitzern ein hohes Suchtpotenzial hat, zumindest für mich… Buchen könnt Ihr solch einen Trip über Patrick Baier: info@biggame-kroatien.de